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September 2011

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Von Vivaldi zum Swing


Alle 37 Konzerte von Vivaldi nahm Daniel Smith als Fagottist auf und tourte als Solist durch Europa und die USA. Dann entdeckte er den Jazz, brachte das Fagott zum Schwingen – und die Jazzszene zum Staunen.

Daniel Smith's Musikerkarriere begann mit einer falschen Trompete. Er war damals 16 Jahre alt und hatte „absolut keine Ahnung von der Welt der Musik“. Eines Tages sah er im Fernsehen ein Konzert mit Benny Goodman, das ihn magisch anzog. Bald darauf ging er zu einer Musikschule: „Ich sagte dem Musik - schul leiter, dass ich Trompete lernen wollte – wie Benny Goodman“, erinnert sich Daniel Smith. „Als er mich bat, Goodmans ,Trompete‘ zu beschreiben, sagte ich, sie sei lang und schwarz. Nun war die Sache klar, und Smith bekam Klarinettenunterricht. Zusätzlich nahm er Saxophonstunden beim Lehrer von Stan Getz und ging anschließend zum Klarinettenstudium ans Konser va to ri - um . Dort wechselte er jedoch bald zur Piccoloflöte und spielte diese auch während seines Wehrdienstes in der Mili - tärband.

Parallel dazu nahm er Fagottun ter - richt, da eher eine Chance bestand, in einer Studio- oder Broad way-Show - band unterzukommen, wenn man mehrere verwandte Blas instrumente beherrschte. Schnell wurde das Fagott zu „seinem“ Instrument, schließlich, so Smith, habe es von allen Blas instru men - ten „das meiste Potential, so schön zu klingen wie ein Cello“. Nach dem Militär dienst wirkte er als Fagottist beim New York Philharmonic und im Orchester der Met mit und nahm alle 37 Fagott - konzerte von Vivaldi mit dem English Chamber Orchestra und den Zagreber Solisten auf. Doch wie kommt man von Vivaldi zum Jazz? Das Schlüs selerlebnis hierfür war die Beschäf ti gung mit der „Jazz-Suite für Fagott und Orches ter“ des englischen Komponis ten Steve Gray (1944-2004). „Da ich nicht in der Lage war, zu improvisieren“, erklärt Smith, „musste ich die Soli, die im Kon zert gefordert wurden, vorher ausnotieren.“

Mit dieser Lösung war er allerdings nicht glücklich. Smith wollte richtig improvisieren, „echten“ Jazz auf dem Fagott spielen. Doch dies gestaltete sich alles andere als einfach: „Ich war ein Virtuose in der klassischen Musik, aber das half mir für die Improvisation gar nichts“, stellte er fest. „Ich musste jede Jazzskala in jeder Tonart über den gesamten Tonumfang des Instruments lernen, wozu ich etwa vier Jahre brauchte.“ Dabei bekam er starke Schmerzen im Arm, weil für die Jazzskalen seine Muskeln auf ungewohnte Weise beansprucht wurden. Nachdem diese von einem auf den anderen Tag verschwunden waren, begann er in England aufzutreten. Zuerst spielte er auf Privatpartys, später in Jazzclubs und auf Festivals.

Schließlich ging er zurück in die USA, um dort mit den etablierten Größen des Jazz zu musizieren.

Seine vier Jazzalben widmete Smith jeweils einem bestimmten Stil: „Swin gin’ Bassoon“, „Bebop Bassoon“, „Blue Bassoon“ (ein Bluesalbum) und – sein neuester Streich – „Bassoon Goes Latin Jazz“. Der Fagottklang bringt eine ganz neue Farbe in den Jazz. In der Tiefe ähnelt es dem Baritonsaxophon, jedoch mit Tendenz zum Nasalen. Es ist erstaunlich, wie Smith etwa in Lee Morgans Kom po - si tion „Mr. Kenyatta“ dem schwerfälligen Instrument schnelle Passagen abtrotzt und bei Charlie Parkers Stück „Yardbird Suite“ flüssig swingende Soli hinlegt, da kann man über einige Intonations schwä - chen getrost hinweghören. Dass ein Fagott auch balladentauglich ist, beweist seine Version von Horace Silvers Kom - position „Peace“. Für 2012 ist ein Big- Band-Album geplant, außerdem wird Smith das ihm gewidmete Jazzkonzert für Fagott und Kammer orches ter des brasilianischen Kom po nisten João MacDowell uraufführen. Wir sind gespannt.

Mario-Felix Vogt


 

 

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